Abstrakte Fotografie im Herbst

Stand: 7. November 2020

Am letzten Samstag zeigte uns der Herbst, was er alles an Farbenpracht kann, weil die Nächte schon recht kühl und regnerisch waren. Und als wir in einem Buchenwald spazieren gingen, verstanden wir, warum gerne vom goldenen Oktober gesprochen wird. Viele kleine Buchenblätter erzeugten eine überbordend gelb-rote Farbenpracht. Nach einer Weile verlangte mein Auge aber nach einfacheren, ruhigeren Eindrücken – also nach Reduktion, sprich abstrakteren Sichtweisen.

 

Abstrakte Fotografie bedeutet Reduktion

Eine weitwinkelige Festbrennweite mit ihrem Bokeh bei einer maximalen Blende von 1.4 an der Kamera legte es nahe, abstrakte Fotos zu machen.

Der Begriff Abstraktion kommt aus dem Lateinischen – genauer gesagt vom Verb “abstrahere”, was „abziehen, entfernen, trennen“ bedeutet. Es geht in diesem Sinne für Fotografen um die Reduktion, das Weglassen von Einzelheiten und damit um das Erreichen von etwas Einfacherem. Das soll hier der Ansatz sein, auch wenn des Öfteren in den unterschiedlichsten Informationsquellen  viel mehr zur Abstrakten Fotografie gezählt wird.

Ausgangspunkt – Motiv mit markanten Strukturen und Farben

Abstraktes Fotografieren wird durch Motive mit ausgeprägten Farben, Strukturen, Kontrasten, Linien und geometrische Formen begünstigt.  Vereinfacht gesagt, kommt es auf markante Strukturen und Farben an. Diese lassen sich mit der Abstraktion oft noch besser ins Bild setzen: 

  •  Für die Abstraktion geeignete Strukturen finden sich etwa in der Architektur von Gebäuden oder in Städten allgemein. In der freien Landschaft gibt es mit alleinstehenden Bäumen oder Gebäuden sowie dem Muster von Feldern Motive, die durch Reduktion gewinnen. Im Nahbereich bieten sich infolge des Vergrößerungsmaßstabes ungewohnte Strukturen.

  • Natürlich lässt sich bei Nahaufnahmen auch eine ungeahnte Farbigkeit von Blumen, Kleingetier und anderem entdecken. Zusätzlich bringen die Jahreszeiten Gelegenheiten für besondere Farben – im Frühjahr das eher Freundliche / Sanfte, im Sommer das Lebhafte, im Herbst das Kräftige / Dunkler-werdende. Und überall, wo Menschen farbige Kleidung tragen oder mit farbigen Gegenständen hantieren, sollte an die Abstraktion als Bildgestaltungsoption gedacht werden. 

Was soll erreicht werden ?

Hat man geeignete Motive gefunden, werden bei der Aufnahme durch ein aufmerksames Experimentieren abstrakte Fotos erarbeitet, welche folgende Eigenschaften haben:

  • Optimale Bildgestaltung:
    Bildelemente und Farben sind nach bekannten Methoden angeordnet und komponiert.

  • Reduktion von Details:
    Unwesentliches wurde dabei weggelassen bzw. durch geeignete Aufnahmetechniken zumindest reduziert.

  • Emotionale Wirkung:
    Ein gutes abstraktes Bild wirkt emotional, weil es nicht unbedingt alles klar darstellt, weil es zum Beispiel eine ästhetische Wirkung hat, Fragen aufwirft oder Unverständnis / Ablehnung hervorruft.

    Man beachte: Eine präzise Abbildung der Realität ist beim abstrakten Fotografieren nicht das vorrangige Ziel, eine neue Sichtweise auf das Motiv und emotionale Wirkung schon. Dabei bieten sich 4 Abstraktionstechniken an […mehr; siehe unten].

Es geht also um die Vereinfachung eines Fotos auf das Wesentliche. Prägnante Farben und Strukturen im ursprünglichen Motiv bieten dabei eine Chance, dass auch nach Beseitigung von Details die vereinfachten Strukturen noch oder gerade erst dann besonders wirken.

In wie weit dies gelingt, hängt auch vom Betrachter eines abstrakten Bildes ab, in wieweit er die Absichten im Bild versteht oder gewillt ist, sich mit dem abstrakten Bild intensiver auseinander zu setzen.

Bei der Beurteilung des Bildeindruckes sollte auch überlegt werden, ob sich das entstandene abstrakte Motiv für einen großformatigen Ausdruck (DIN A2 und größer) eignen würde – gerade wenn durch die Abstraktion etwas Plakatives entstanden ist. Flächigere Motivelemente oder Farben können dann ihre Wirkung voll ausspielen.

Wichtig ist hier aber, dass das abstrakte Foto in der Kamera entsteht !

Zusätzliche Bearbeitungen oder Verfremdungen sollten die Motivwirkung in der Nachbearbeitung nur unterstützen.

Digitale Verfremdungen / Montagen sind ein eigenständiges Genre und haben sehr wenig mit abstrakter Fotografie zu tun. Im Zeitalter digitaler Kameras mit ihren vielfältigen Funktionen sind die Grenzen zwischen Aufnahme und In-Kamera-Verarbeitung aber fließend  .

 

Abstraktion im Herbstwald

Auf dem Weg durch den Buchenwald entstanden durch Bewegungsunschärfe, Mehrfachbelichtung, geringe Schärfentiefe und knappen Motivausschnitt abstrakte Effekte in den Bildern. Die Realität scheint meist noch durch.

 

 

4 typische Abstrahierungstechniken

Es wurden für die Herbstwaldbilder einige Aufnahmetechniken genannt. Jetzt sollen sie systematisch dargestellt werden. Auch bei abstrakten Fotos kommen die üblichen Gestaltungsregeln zur Anwendung […mehr] – jedoch mit besonderer Beachtung, wie

  • sich Bildelemente reduzieren und
  • Farben ansprechender werden. 

Geht es somit darum, Motive mit ausgeprägten Farben, Kontrasten, Linien und geometrischen Formen abstrakt zu fotografieren – also auf das Wesentliche zu reduzieren, sind etwa folgende Abstrahierungstechniken besonders hilfreich:

  • Reduzierter Motivausschnitt als Ausgangspunkt
    a.) Ein Motiv wird allein durch einen besonders nahen oder engen Bildausschnitt oft einfacher, sprich reduzierter im Bildaufbau.
    b.) Wird ein für das Motiv-Verständnis erforderliche Motiv-Umfeld weggeschnitten, kann diese Reduzierung das Bild abstrakter machen und vom Betrachter eine intensivere Auseinandersetzung fordern.
    c.) Ein Bild kann auch abstrakt wirken, wenn der Motiv-Ausschnitt bereits abstrakte Elemente enthält, wie z.B. Rost, ausgewaschene Farben, einige wenige minimalistische, grafische Elemente.
    d) Nur den Ausschnitt zu verkleinern, bringt – mit Ausnahme von c.) – noch kein abstraktes Bild, sondern etwa eine Nahaufnahme oder ein minimalistisches Bild. Folglich werden noch andere Techniken gebraucht.

  • Gezielte Reduzierung der Erkennbarkeit
    a.) Hilfsmittel wie Fotofilter oder strukturierte Glasscheiben vor dem Objektiv können Details unterdrücken und Farben verfremden, was wiederum zu abstrakten Bildern führen kann.
    b.) Auch von spiegelnden Oberflächen reflektierte Motive  können weniger Details und Strukturen aufweisen.
    c.) Mehrfachbelichtungen bringen Überlagerungen, wodurch Farbmischungen entstehen, Strukturen sich ändern oder Details und Erkennbarkeit reduziert werden.
    d.) Trotz Reduzierung der Erkennbarkeit sollte das Bild noch markante Strukturen und Farben haben.

  • Weniger Details durch Licht/Schatten
    a.) In sehr hellen Stellen verschwinden Details und Farben durch Ausbleichen.
    b.) In sehr dunklen Bildteilen gehen Details und Farben in den Schwärzen unter.
    c.) Mitunter braucht man keine Farben mehr, kann das resultierende Schwarz-Weiß-Bild abstrakt wirken.

  • Weniger Details durch Unschärfe
    a.) Verschwindet der Kontrast zwischen einzelnen Bildteilen so reduziert sich dadurch der Bildinhalt. Diese Abstrahierung lässt sich b.) durch bewusst falsch fokussierte Bilder,
    c.) geringe Schärfentiefe und
    d.) Bewegungsunschärfen (durch sich bewegendes Motiv, Bewegung der Kamera, des Objektivs) erreichen.

Natürlich werden diese Techniken in der Regel auch in Kombination eingesetzt. Und auch all die anderen, passenden Bildgestaltungsmittel sind einzusetzen, welche in der Fotografie zur Verfügung stehen.

 

Abstraktion beim Schaufensterbummel

Am darauf folgenden Sonntag machten wir zu zweit in einer kleinen Stadt einen Schaufensterbummel. Wie man sieht, waren mir die ausgestellten Sachen nicht so wichtig. Abstrakte Eindrücke reichten aus.

 

 

2 Responses so far.

  1. Brigitte Langer sagt:
    Tolle Bilder Günther. Sie regen an, genauer hinzuschauen, um zu realisieren, was dargestellt wird. Die Farben haben eine große Wirkung. Mit Ziehen der Bilder habe ich mich auch schon beschäftigt und auch recht ordentliche Ergebnisse erzielt.
    Deine Fotos regen mich an, wieder mal in diese Richtung zu fotografieren.
    Deine Beschreibungen sind super, sehr hilfreich. Vielen Dank dafür.
    Liebe Grüße
    Gitte Langer
    (Fotogruppe Wasserburg u. Haag)
    • Vielen Dank für das positive Feedback. Der Schaufensterbummel war übrigens in Wasserburg gewesen. Das Thema “Abstrakte Fotografie” beschäftigt uns zur Zeit im Camera-Club. Dass Schwenkbilder nur eine Möglichkeit sind , bei der Aufnahme was Abstraktes zu erzielen, zeigen meine Bildbespiele entsprechend der 4 Grundtechniken auf der Camera-Club-Seite [..mehr]

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