Mehr Effizienz durch konzeptbasiertes Arbeiten

Vier Schritte konzeptbasierter Farbgestaltung

Die bisherige Überlegungen gingen davon aus, dass das Foto schon aufgenommen wurde, bevor wir mit der Gestaltung der Farben beginnen. Diese Situation ist typischerweise bei spontanen Aufnahmen oder bei Motiven gegeben, wo die vorhandenen Farben vor der Aufnahme nicht angepasst werden können.

Bei konzeptbasiertem Arbeiten ist das Fotografieren ein Schritt von mehreren. In diesen wird auf Basis der Anforderungen ein Konzept erarbeitet, welches die Basis für das Fotografieren und Nachbearbeiten bildet.

In den einzelnen Schritten kommen Empfehlungen zum Vorgehen und Hilfsmittel zur Anwendungen, wie sie bislang schon vorgestellt wurden.

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Was ist der Nutzen ?

Die im folgenden vorgeschlagene konzeptbasierte Vorgehensweise bringt Qualität zu optimiertem Aufwand – aus Gründen wie

  • Klare Aufgabenstellung möglichst von Anfang an,
  • Frühe Gedanken zu emotionaler Wirkung der Bilder,
  • Farbliche Grundausrichtung geklärt, bevor Aufwand für Fotografieren und Nachbearbeiten betrieben wird,
  • Qualität durch Probeaufnahmen während Vorabklärungen und Design,
  • Foto reift in mehreren Schritten.

Im einzelnen bewirken dies folgenden Schritte

Vorabklärungen - Kläre relevante Anforderungen
Der erste Schritt

Auf Basis einer selber gestellten oder vorgegebenen Aufgabenstellung geht es darum zu klären, welche Anforderungen für das fotografische Vorhaben relevant sind. Analysen der vorgegebenen (Ist-) Situation liefern Anhaltspunkte, worum es geht, und Inspiration, wie die Aufgabenstellung gelöst werden könnte. Probefotos erlauben praktische Versuche und Rückschlüsse, wie Ideen umsetzbar wären.

Anforderungskatalog - Zielsetzungen, Entscheidungshilfen

Es macht Sinn, Anforderungen systematisch zu sammeln, weil sie Zielsetzungen der Farbgestaltung präzisieren helfen und für Folgeschritte des Design und der Fotoarbeiten Entscheidungshilfen liefern.

Die Anforderungen lassen sich wie folgt gliedern:

  • Anliegen: Welche Botschaft für wen? Welche Idee? Was Neues?
  • Emotionale Wirkung: Welche Gefühle / Reaktionen soll das Bild beim Betrachten auslösen? Welche Anregungen liefert die Excel-Datei ColorMapping ?
  • Gestaltung: Wodurch soll die Bildgestaltung, die Bildaussagen und -wirkung optimiert werden?
  • Technisches Handwerkszeug: Welche technische Hilfsmittel sollen zum Einsatz kommen ?
  • Abwicklung: Welche Aktivitäten werden erforderlich ?
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Anliegen: Arten der Botschaften und Zielgruppen

Eine Botschaft kann verschiedene Aufgaben haben, um das Anliegen des Fotos dem Betrachter mitzuteilen. - von der reinen Dokumentation bis hin zum Aufruf zur Tat. Fotos ohne Bedacht werden schwerlich Gegenstand einer konzeptorientierten Fotografie sein. Die avisierten  Zielgruppen, die Art der Botschaften und ihrer Inhalte sollte man sich im Anforderungskatalog erarbeiten.

Sinnvollerweise ist zu klären, an wem per Bild eine Botschaft gerichtet wird, denn das Verstehen der Botschaft, sprich Bildes, hängt vom Wissen und den Erfahrungen des Betrachters ab. "Nur was man weiß oder gar gern hat, sieht man".
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Angenehme und unangenehme Emotionen

Farben sind ein wichtiges Instrument, um Emotionen auszulösen. Damit ist aber nicht nur "Friede, Freude, Eierkuchen" gemeint. Auch unangenehme Gefühle oder ein Wechselbad der Gefühle können angestrebt werden.

Bilder, die einem teilnahmslos oder gleichgültig lassen, sind kein Ziel konzeptorientierte Fotografie. Die Liste anzustrebender Emotionen sollte man sich im Anforderungskatalog erarbeiten.

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Fallbeispiel Zeitgeist - Motiv: Christopher Street Day

Momentan steht das Thema "Zeitgeist" zur Bearbeitung an: Welche Themen, Weltanschauungen, Verhaltensweisen und Gefühle sind typisch für unsere Zeit? Und wie prägt dieser „Zeitgeist“ unser individuelles Leben, das Zusammenleben in unserer Gesellschaft, den Umgang mit Natur und Umwelt? Wie lässt sich dies an uns selbst und an anderen beobachten und darstellen?

Aufgrund der Farbigkeit wurden beim Christopher Street Day Motive gesucht - beispielsweise mit folgenden Anforderungen:

Anliegen:
Dokumentation und erste Empfindungen der Veranstaltungen sind so festzuhalten, dass sie sich erfolgreich bei einem Fotowettbewerb, ausgerichtet von Freunden, zum Thema "Zeitgeist" platzieren können.

Emotionen:
Die Geschehnisse bei einem Christoper Street Day können durchaus kontrovers beurteilt werden.

Gestaltung:
Regenbogenfarben stehen für die Vielfalt an geschlechtlicher Orientierung.

Technik:
Ausrüstung für Street Photography kommt zum Einsatz.

Während der Corona-Pandemiezeit wurden Probeaufnahmen gemacht, z.B. ein Portrait einer jungen Aktivistin.

Farbgestaltung nach Johannes Itten: Komplementäre Grundausrichtung mit ähnlichen Farbtönen um 34 Grad für Hauttöne etc sowie die Komplementärfarbe von 201 Grad für den dunklen Hintergrund

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Design - Finde ein Lösungskonzept
Lösungskonzept - Beschreibung des Realisierungsergebnisses und -weges

Im Design-Schritt werden die Anforderungen interpretiert und kreativ Wege gesucht, mit denen die Zielsetzungen aus dem Anforderungskatalog erreicht werden können. Das Ergebnis ergibt ein Konzept – also Lösungen, welche Entwürfe und Anleitungen für nachfolgende Fotoarbeiten liefern.
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Lösungskonzept - sein Inhalt

Die Festlegungen zu den Bildeigenschaften im Lösungskonzept lassen sich wie folgt gliedern:

  • Anliegen: Festlegung der Botschaften für die relevanten Zielgruppen, der umzusetzenden Ideen;
  • Emotionale Wirkung: Relevante Gefühle / Reaktionen; Anregungen aus der Excel-Datei ColorMapping;
  • Gestaltung: Farbgestaltung zur Unterstützung der Bildaussagen und -wirkung durch die farbliche Grundausrichtung und Optimierungsansätze;
  • Technisches Handwerkszeug: Auswahl der erforderlichen technischen Hilfsmittel;
  • Abwicklung: Entscheidungen zu Aktivitäten einer Inszenierung oder zu Hintergrundinformationen, welche das Entdecken farblicher Gestaltungswege erleichtern.

Während der Anforderungskatalog beschreibt, was sein soll und sein könnte, liefert der Design-Schritt ein Lösungskonzept, wie die gewünschten Bildeigenschaften erreicht werden können. Per Probe-Fotoarbeiten kann abgesichert werden, dass die Festlegungen wirklich erreichbar sind.
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Anvisierte emotionale Wirkungen

Passend zum persönlichen Anliegen ist zu entscheiden und festzulegen, welches die Emotionen sind, die angesprochen werden sollen. Als Orientierungshilfe kann die Datei ColorMapping dienen:

Das Diagramm zeigt Farben, wie sie für das Thema "Christopher Street Day" in ColorMapping gefunden wurden.

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In der Datei werden die relevanten Aussagen durchgeprüft und bei Zutreffen markiert. Diese Auswahl an Farben kann den Ausgangspunkt für eine Farbpalette bilden, an welcher die Fotoarbeiten ausgerichtet werden.
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Festlegungen der farblichen Grundausrichtungen

Der Grundablauf der Farbgestaltung umfasst

  • Gestalten der farblichen Grundausrichtung im Bild mittels Adobe Color und Lightroom-Radialfilter,
  • Optimierung der Farbkomposition per Wahl der bestmöglichen Sättigung und Helligkeit in Lightroom,
  • Ein „gewisses Etwas“ durch besondere (Licht-)Stimmung, stimulierende Farben und Unschärfen im Bild.

Im Design-Schritt wird vor allem die farbliche Grundausrichtung erarbeitet:

Die farbliche Grundausrichtung hängt sehr stark von der Anzahl beabsichtigter Farben ab. Davon ist eine die Grundfarbe, nach der sich die übrigen Farben richten. Außerdem ist zu berücksichtigen, ob es Farben gibt, welche möglichst "richtig" vorkommen sollen, z.B. richtiger/optimierter Haut-, Gras-, Himmels- und Farbton, der realistisch erscheinen sollte.

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Inszenieren oder Entdecken

Geht es um darum, festzulegen, wie die Abwicklung der anschließenden Fotoarbeiten geschehen soll, dann dreht es sich sehr stark um die Frage, wie weit die Farbgestaltung vorab schon festgelegt werden kann.

Kann diese aktiv beeinflusst werden, dann werden die Farben während der Aufnahmevorbereitung passend in Szene gesetzt. Eine Inszenierung scheint besonders möglich in Bereichen der

Studiofotografie,
Porträtfotografie,
Modefotografie,
Food-Fotografie,
Abstrakte Fotografie,
Künstlerische Fotografie ...

Farben vorab festzulegen und vorzubereiten, scheint jedoch in vielen Fällen nicht oder nicht mit vertretbarem Aufwand möglich. Hier enthält das Konzept Angaben, welche Farben mit einer hohen Wahrscheinlichkeit zu erwarten sind und auf welche Weise sie dann in der konkreten Situation entdeckt werden können. Es ist schwer, Farben aktiv zu gestalten beispielsweise in folgenden Bereichen

Architekturfotografie,
Street Photography,
Event-Fotografie,
Sportfotografie,
Reisefotografie,
Landschaftsfotografie,
Tierfotografie,
Pflanzen-/Makrofotografie ...

In jedem Fall macht es Sinn, ein Konzept vorab zu erstellen. Dadurch wird der Fotografierprozess von vorab machbaren Überlegungen  entlastet und die Aufnahme der Bilder geschieht so zielgerichteter, aufwandsärmer und schneller.

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Fotografieren - Inszeniere oder entdecke die Farben
Das farbkorrekte Bild

Als nächstes gilt es, die angestrebte Bildidee mittels passender Gestaltung und technischer Qualität zu fotografieren. Dies umfasst die erforderlichen Vorbereitung und das Festhalten der Motive. Das Konzept ist dafür die Ausgangsbasis.

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Je mehr vorbereitet und aktiv gestaltet werden kann, umso mehr kann inszenierend eingriffen werden, um die gewünschte Farbgestaltung zu erzielen.  Andernfalls kann oder muss im Nachgang anhand der vorgefundenen Farben die Farbgestaltung per Foto-Ausarbeitung in das Bild gebracht werden. Dem sind aber nicht selten Grenzen gesetzt.

Dieser Schritt beinhaltet die Farbkorrektur. Dies bezeichnet alle Arbeiten, mit denen die Grundeigenschaften eines Bildes per Lightroom oder anderen vergleichbaren Werkzeugen korrekt ausgearbeitet wurden. Das Ergebnis ist vor allem eine farbkorrekte, dokumentarische Fotografie..

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Fallbeispiel Zeitgeist - Farbkorrektes Motiv: Christopher Street Day

Es gibt eine Sichtung der Themen, welche in den Bereich "Zeitgeist" fallen. Unter die Kategorie "Zusammenleben in unserer Gesellschaft" fallen Bilder mit dem Schwerpunkt auf dem Verhalten bzw. den Wünschen von unterschiedlichen Personen in unserer Gesellschaft. Dazu zählt auch die Position von Menschen mit unterschiedlicher geschlechtlicher Orientierung.

Bilder vom Christopher Street Day gehören in den Bereich Street Photography. Beim Nähertreten an die verschiedenen Aktionskreise zeigten mir in einem Menschenpulk 2 Mädchen mit FFP2-Masken auf Kartons "schweigend" ihre Botschaften - ein Widerspruch zur Botschaft ? Mit den vorab getätigten konzeptionellen Überlegungen ging die Aufnahme schnell.

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Das Bild hat dokumentarischen Charakter und wirkt durch den Text.

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Nachbearbeitung - Schaffe ansprechende Farben im Foto
Gestaltung der Farben in der Bildnachbearbeitung

Dieser Schritt erfolgt nicht für jedes Bild, sondern nur wenn die persönlichen Vorstellungen über ein reines Dokumentieren hinausgehen. Unabhängig davon, ob vorher ein Motiv "inszeniert" oder "entdeckt" worden ist. Bei einer Inszenierung besteht die Wahrscheinlichkeit, dass die Farben schon stark der gewünschten Grundausrichtung entsprechen und der Aufwand in der Nachbearbeitung gering ist.

In jedem Fall folgen in der Nachbearbeitung die Arbeiten der bereits für spontane Aufnahmen beschriebenen Vorgehensweise auf Basis des Farbmodelles von Johannes Itten:

1. Farbanalyse

ColorMapping - Checklistenbasierte Analyse möglicher emotionaler Wirkungen
Visuelle Analyse mit Hilfe wieder verwendbarer Presets und Profile
Lightroom-Farbpipette für eine technische Farbanalyse
Bewertung der Optionen einer RGB-basierten Farbgestaltung
Farben aus der Sicht des Kunstpädagogen Itten

2. Farbliche Grundausrichtung

Adobe Color - Farbliche Grundausrichtung finden
Virtuelle Datei für Grundausrichtungsvarianten
HSL/Farbe - Geringfügige / monochrome Farbton-Anpassungen
Lightroom-Filter für Farbbereichsmasken
Radial-Filter für flexible Farbton-Änderungen

3. Optimierung der Farbkomposition

Quantitätskontrast - Gestaltung der Farbtonanteile
Hell-Dunkel-Kontrast - Verteilung von Hell und Dunkel
Qualitätskontrast - Wahl des passenden Grads an Farbreinheit
Simultan-Kontrast - Vermeiden verfälschter Farbwirkungen
Quer-Check zu beabsichtigter Bildaussage und emotionaler Wirkung

4. Gestalten des „gewissen Extras“

Lightroom-Funktionen zur Förderung einer Aura
Lichtstimmung optimieren
Stimulierende Farben
Unschärfen einsetzen

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Fallbeispiel Zeitgeist - Optimiertes Motiv: Christopher Street Day

Die Farbanalyse ergab, dass die farbliche Grundausrichtung der Harmonieregel "Ähnlich mit Akzentfarbe" entsprach.  Die Farben waren also schon passend, aber die 2 Personen im Hintergrund störten. Deswegen wurde der Hintergrund so ausgetauscht, dass das Bild bunter wurde. Der Regenbogen steht ja als Symbol für die Vielfalt.

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Fallbeispiel Zeitgeist - Motiv mit Versuch zum gewissen "Etwas": Christopher Street Day

Das obige Bild hat immer noch eine sehr dokumentarische Wirkung und ist zudem etwas dunkel. Deswegen der Hintergrund erweitert, stärker gegliedert und aufgehellt. Die schwarze Schrift erhielt mit unregelmäßigem und buntem Muster eine Auflockerung. Ein Versuch, dem Bild eine Extra-Note zu geben, denn der Christopher Street Day ist schon eine schrille Angelegenheit.

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